Computernüsse

Es ist ein schöner Frühlingstag und die Familie fährt mit dem Fahrrad am Maybachufer entlang. Die Blätter wirken wie frisch gewaschen und die Sonne zeigt was sie kann. Es gehört zu den oft übersehenen Vorteilen des Erwachsenseins, dass man diese Schönheit genießen kann. Die Kinder können das nicht. Ein paar rosa Schweinchen auf dem Handy beim grunzen zuzuschauen ist auf jeden Fall spannender als sich über Blütenkerzen an Kastanien zu freuen.

Am Ufer steht, halb auf dem Weg, ein kleiner Klapptisch mit einem großen Mann, einem Bauern. Er hat schon weiße Haare und sieht etwas müde aus, doch der Körper ist schlank und drahtig und unter seinen Fingernägeln steckt der Sand Brandenburgs. Er wirkt wie ein Baum mit zerfurchter Rinde aber mit Ästen, die noch jedem Sturm standhalten. Vor ihm auf dem Klapptisch steht ein Karton mit Eiern, weiße, braune und – ja grüne. Ich halte an und frage: „80 Cent das Stück, fünf Euro die Kiste“ kommt als Antwort mit knarrender Stimme. Ich frage: „Wieso ist das Ei grün?“

Man erwartet von so einem Landmenschen eine gewisse Einsilbigkeit, also die Fähigkeit, mit den Steinen auf dem Feld um die Wette zu schweigen. Weit daneben. Es war als hätte ich ein Fass mit Informationen angebohrt, die nur darauf gewartet haben abzufließen: „Die sind vom Araucana – Huhn aus Chile. Die sind etwas kleiner, aber die Farbe von dem Ei ist natürlich. Es gibt sie noch gar nicht so lange hier, aber sie ist eine dankbare Rasse….“

Während er Luft holt finde ich die Zeit einzuwerfen „Wir haben auch ein Araucanie im Garten…“ da redet er schon weiter: „Eigentlich weiß man gar nicht ob die aus Chile kommen, also wo die wirklich herkommen, vielleicht kommen sie auch …“ Er unterbricht sich als ich ihm den „Fünf-Euro-Schein“ hinüberreiche, klappt die Eierkiste zu und fragt: „Soll ich ihn noch ein Gummi drum geben?“ Während er in einer Keksdose nach dem Gummi sucht, frage ich ihn nach der Handvoll von Walnüssen, die in einem offnen Sack neben seinem Klapp-Küchentisch stehen: „Wie schaffen sie es eigentlich, die Walnüsse vor den Eichhörnchen zu retten? Wir haben zwei Walnussbäume, aber von den Nüssen sehen wir nie was“

Wenn ich gedacht habe, dass die Araucania-Hühner einen Wissensabfluss ausgelöst haben, dann war die Frage nach den Walnüssen ein Dammbruch:

„Ja also bei den Wallnüssen ist das so. Sie müssen direkt da sein, wenn die von den Bäumen fallen. Dann müssen sie die aufsammeln. Sonnst kommt der Waschbär. Der ist die sofort vor Ort, das sehen sie an den Schalen. Und auch die Eichhörnchen, ja. Und wenn sie die aufheben, dann müssen sie Handschuhe anziehen. Sonst haben sie über Wochen – Wochen! – schwarze Fingernägel. Ich habe das so einen Kumpel …“ Während er redet schaue ich zu meiner Frau herüber, die schon ein paar Meter weitergerollt ist, und meinem Sohn der den perfekten Ausdruck von schlechter Laune und Ungeduld auf sein Gesicht gezaubert hat und werde nervös. Dann dringt die Stimme des Bauern wieder in mein Bewusssein „… ein Bastler. Ich habe mir ja so ein amerikanisches Ding gekauft, ein Dörrer, der die Walnüsse trocknen kann. Kostet zwar ewig Strom …“ er macht eine wegwerfende Handbewegung „… aber der Kumpel, der Bastlern, der hat so Kisten hinten an den Lüfter seines Computers angeschlossen, da pustet die Luft dann über die Walnüsse. Die ist zwar kalt, aber das ist für die Trocknung sowieso besser…“

Mit dem Bild vor Augen, wie in einem Bauernhof in Brandenburg, im Arbeitszimmer des Bauern, riesige Kisten mit frisch gesammelten Walnüssen hinter dem Monitor auf dem Schreibtisch trocknen muss ich ihn unterbrechen. Mit einem entschuldigenden Blick auf Frau und Kinder murmele ich …“Entschuldigung ich muss leider weiter“ und radele los. Ich rufe noch „Auf Wiedersehen und Danke“ und auch der Bauer verabschiedet sich. Täusche ich mich oder sieht er etwas traurig aus.

Jetzt, am nächsten Morgen frage ich mich: „Sitzt er vielleicht mit seinem Walnuss-Computer-Kumpel abends beim Bier und quatscht, über die Steine auf dem Feld, über Araucania Hühner, über die Trocknung von Walnüssen – und über die ganze Welt dadraussen. Und hier in der Stadt ist er plötzlich allein. Kein Mensch interessiert sich für Eier oder für Dachse und Waschbären sondern höchstens dafür, wieviel die Eier kosten. Und wie schön ist es doch, hier wie in Raveo, dort, wo wir die Eier von Monika bekommen (wenn der Fuchs nicht gerade wieder ein paar Hühner gerissen hat) dort zu leben, wie die Hühner auch herkommen … und während ich in Nostalgie zu versinken drohe schaue ich auf die Uhr. Ich muss die Kinder wecken. Schule und Kindergarten, anziehen, Zähne putzen, Fresskisten packen, los!

Auf in die Stadt.