Chiara | Zwischen Bühne, Bottega und Bergdorf
Als wir begannen, ein Haus in Italien zu suchen, hatten wir diese romantische Vorstellung von einem einsamen Haus im Wald, also eine Art Hänsel-und-Gretel Hütte, inklusive Kamin und Backofen. Inzwischen sind wir sehr glücklich Teil eines Dorfes wie Raveo zu sein: Wir können jeden Morgen um die Ecke im Alimentari frische Brötchen (und Milch und Wurst aus dem Nachbardorf und sehr leckeren Mortadella) holen. Es ist bereits das zweite Alimentari, das wir hier in Raveo miterleben. Das erste hat zugemacht, als die Betreiberin keine Lust mehr auf das Dorfklatsch und das Schleppen schwerer Gasflaschen hatte. Gerade für die alten Leute hier im Dorf – wie in so vielen Dörfern auf dem Land – eine Katastrophe. Schnell allerdings hat sich ein Verein gegründet, der ein neues Alimentari eröffnet hat. Die Hauptlast dieses Alimentari schultert Chiara. Wenn sie nicht da ist wird auch gerne die Tochter zwangsverpflichtet.
Dabei ist Chiara eigentlich Theaterwissenschaftlerin
Chiara, erzähl uns ein wenig von dir. Wer bist du und was machst du?
Ich heiße Chiara, bin 47 Jahre alt und professionelle Schauspielerin. Ich arbeite am Theater und als Synchronsprecherin. Mein Mann Giuliano ist ebenfalls Schauspieler und Theaterregisseur. Er ist 55 Jahre alt. Wir haben zwei Kinder: unsere 19-jährige Tochter Caterina und unseren zehnjährigen Sohn Sebastiano.
Was bedeutet Zuhause für dich?
Zuhause ist für mich der Ort, an dem man sich gesehen und erkannt fühlt. Ein Ort, dem man sich emotional zugehörig fühlt und an dem man sich geschützt weiß. Vielleicht ist Zuhause auch der Ort, der uns am meisten darüber erzählt, wer wir sind.
Wo fühlst du dich wirklich zugehörig?
Ich glaube nicht, dass ich nur zu einem einzigen Ort gehöre. Vielmehr gehöre ich zu einem Netz aus Beziehungen, das gemeinsam mit den Orten, an denen wir leben, unsere Identität formt.
Wann hast du zuletzt ganz bewusst deine Perspektive verändert?
In den vergangenen eineinhalb Jahren habe ich mich bewusst für einen großen Perspektivwechsel entschieden. Gemeinsam mit meinem Mann und zwei Freunden aus dem Dorf haben wir eine Genossenschaft gegründet. Eines unserer ersten Vorhaben war, den alten Lebensmittelladen - das Alimentari - in Raveo zu übernehmen – einen Laden, der zu Osteria des Dorfes gehörte – um ihn vollständig zu renovieren. Im Dezember 2024 hatte der letzte Lebensmittelladen im Dorf geschlossen. Damit war plötzlich etwas verschwunden, das im Alltag selbstverständlich gewesen war. Vor allem für die älteren Menschen bedeutete das, ihre täglichen Einkäufe nicht mehr selbstständig erledigen zu können. Wir vier hatten eigentlich alle bereits unsere eigenen Berufe und Tätigkeiten. Trotzdem haben wir uns entschieden, diesen neuen Weg einzuschlagen. Ich habe dafür einen Befähigungskurs für den Verkauf und die Ausgabe von Lebensmitteln und Getränken gemacht und am 12. August begonnen, hinter der Ladentheke unseres neuen Geschäfts zu stehen. Wir haben es “La Bottega” genannt. Es ist ein neues berufliches Abenteuer – und irgendwie auch ein neues Kapitel in meinem Leben.
as verändert sich, wenn wir langsamer werden?
Unsere Wahrnehmung verändert sich. Wir beginnen, Dinge wieder zu sehen, die im Alltag leicht verloren gehen: kleine Momente, Empfindungen, Bilder. Wir nehmen unseren eigenen Platz in Zeit und Raum anders wahr. Und wir verstehen besser, welchen Wert das hat, was uns umgibt. Mit der Zeit verändern sich auch unsere Prioritäten.
Was wäre möglich, wenn wir dem Unbekannten mit Neugier statt mit Angst begegnen würden?
Ich glaube, das ist weniger eine Frage als vielmehr eine Aufgabe, die uns ein ganzes Leben lang begleiten kann. Ich war schon immer ein eher unsicherer Mensch. Wenn Veränderungen kamen, hatte ich oft den Impuls, mich zurückzuziehen – aus Angst, ihnen nicht gewachsen zu sein. Aber Angst lähmt. Sie verhindert, dass wir das, was gerade geschieht, wirklich wahrnehmen und erleben. Neugier dagegen ist ein Motor. Sie bringt uns in Bewegung. Eigentlich ist Neugier schon eine Form des Handelns. Wenn wir sie zu unserer Begleiterin machen, bin ich überzeugt, dass unsere Tage und unser Leben leichter mit neuen Möglichkeiten und positiven Erfahrungen gefüllt werden können. Und vielleicht begegnen wir dann auch dem, was uns fremd ist, offener und weniger misstrauisch. Am Ende würden wir wahrscheinlich friedlicher mit uns selbst und mit anderen leben. Wir würden besser leben.
Wie bist du nach Raveo gekommen? Was verbindet dich mit diesem Ort?
Raveo ist für mich ein Herzensort. Das war er eigentlich von Anfang an. Als ich meinen Mann kennenlernte, nahm er mich irgendwann mit in dieses kleine Dorf. Sein Vater wurde hier geboren und ist hier aufgewachsen, und Giuliano selbst hat einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend hier verbracht. Gemeinsam mit seiner Schwester besitzt er das Haus, das früher seiner Großmutter väterlicherseits gehörte. Ich habe diesen Ort sofort geliebt. Immer wieder kamen wir hierher, wenn wir freie Zeit hatten. Wir wollten ein wenig langsamer leben, Abstand gewinnen und in Kontakt mit der Natur sein. Später ergab sich die Möglichkeit, einen Teil des Hauses mit Unterstützung eines regionalen Förderprogramms im Rahmen des “Albergo Diffuso” zu renovieren. Nach und nach wurde aus der Idee eines Rückzugsortes etwas anderes. Zunächst wollten wir hier einfach einen Ort haben, an den wir uns in den Ferien oder zwischendurch zurückziehen konnten. Doch nach einigen Jahren zwischen Brazzacco und Codroipo wuchs in uns der Wunsch, tatsächlich nach Raveo zu ziehen. 2020 haben wir es dann getan. Das Glück war, dass wir schon während des gesamten Lockdowns hier leben konnten. Für uns war das beinahe eine Rettung – und gleichzeitig die endgültige Bestätigung, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten.
Du bist Schauspielerin und Synchronsprecherin und arbeitest gleichzeitig in La Bottega. Wie lassen sich diese beiden Welten miteinander verbinden?
Im ersten Jahr war das nicht immer einfach. Ich musste bewusste Entscheidungen treffen und meine Arbeit außerhalb des Dorfes reduzieren. Oft hat mein Mann, der ja gleichzeitig mein Kollege in vielen unserer Theaterprojekte ist, Aufgaben für mich übernommen. Auch unser Familienleben musste sich verändern. Wir mussten viele unserer bisherigen Abläufe neu denken und an dieses neue Leben anpassen. Als Giuliano, ich und unsere beiden Partner Andrea und Gabriele beschlossen, die Genossenschaft zu gründen und den Lebensmittelladen zu übernehmen und komplett zu renovieren, gehörte sicher eine gehörige Portion Unvernunft dazu. Und Neugier. Ohne diese beiden Dinge hätten wir uns wahrscheinlich niemals auf dieses Abenteuer eingelassen. Gleichzeitig hatten wir von Anfang an den Wunsch, etwas für die Gemeinschaft zu tun. Wir wollten einen Ort erhalten, der für das Dorf aus unserer Sicht ganz wesentlich ist. Ob ich meine beiden Berufe wirklich miteinander vereinbaren kann, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Aber ich weiß, dass ich es versuche – so gut ich kann.
La Bottega ist also mehr als ein Lebensmittelladen?
Die ursprüngliche Idee war ganz einfach: Wir wollten auf ein unmittelbares Bedürfnis des Dorfes reagieren. Unsere Gedanken galten vor allem den älteren Menschen und all jenen, die in einem kleinen Bergdorf Gefahr laufen, isoliert zu sein oder tatsächlich isoliert zu werden. Menschen, für die es schwierig sein kann, selbstständig zu den Dingen und Dienstleistungen zu gelangen, die sie im Alltag brauchen. Aber La Bottega soll mehr sein. Gemeinsam mit der Osteria Bar da Bepi, die immer geöffnet ist, wollten wir einen lebendigen Ort schaffen, einen kleinen Mittelpunkt des sozialen Lebens. Schon nach kurzer Zeit hinter der Ladentheke habe ich verstanden, dass es gar nicht in erster Linie darum geht, Brot und Milch zu verkaufen. Es geht darum, da zu sein. Um kleine Momente des Zuhörens. Um Begegnungen. Um kurze Gespräche. In einem Bergdorf ist es unglaublich wichtig, Teil eines lebendigen sozialen Gefüges zu sein. Sich gesehen zu fühlen. Erkannt zu werden. La Bottega ist deshalb erst der Anfang. Unsere “Società Cooperativa Rigenerazione” möchte langfristig weitere Dienstleistungen und Initiativen entwickeln, die zur kulturellen, sozialen und beruflichen Belebung unseres Dorfes beitragen. Wir hoffen, dass auch La Bottega dabei eine Rolle spielen kann.
Du bist Schauspielerin. Findest du die Bühne manchmal auch in der Bottega wieder?
Da muss ich lächeln. Natürlich hilft mir mein Beruf dabei, jeden Tag mit Menschen in Kontakt zu treten – auch mit völlig Fremden – und keine Angst davor zu haben. Das Schönste und gleichzeitig manchmal Schwierigste an der Arbeit in der Bottega ist für mich die Beziehung zu den Kunden. Ich habe Menschen aus dem Dorf kennengelernt, mit denen ich wahrscheinlich sonst niemals gesprochen hätte. Ich habe ihre Gewohnheiten entdeckt, ihre Vorlieben, ihre Eigenheiten, ihre kleinen Verrücktheiten und Macken. Manchmal denke ich, ich könnte daraus Figuren für das Theater entwickeln. Gerade in Karnien entdeckt man hinter Menschen, die auf den ersten Blick vielleicht ganz unscheinbar wirken, oft ganz außergewöhnliche Persönlichkeiten. Menschen mit einer besonderen Sensibilität, ungeahnten Talenten und unglaublichen Lebensgeschichten. Karnien ist eine geheime Kammer voller Schätze. Man muss nur lernen, nach ihnen zu suchen.
“Karnien ist eine geheime Kammer voller Schätze. Man muss nur lernen, nach ihnen zu suchen.”
Wie erlebst du die Gemeinschaft hier im Dorf?
Raveo ist eigentlich ein erstaunlich lebendiger Ort – gerade wenn man seine Größe betrachtet. Es gibt viele Gelegenheiten, sich zu treffen, gemeinsam zu feiern und sich einzubringen. Das habe ich besonders zu schätzen gelernt, weil ich aus Codroipo komme, wo das Gemeinschaftsgefühl über die Jahre immer mehr verloren gegangen ist. Raveo ist eine Gemeinschaft, die einschließt und nicht ausgrenzt. Auch Menschen, die neu dazukommen. Es gibt Neugier und eine große Offenheit – selbst wenn der erste Eindruck manchmal ein wenig zurückhaltend sein mag.
Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?
Ich stehe auf, mache mich fertig und frühstücke mit meinen Kindern und meinem Mann, wenn unsere Zeiten es zulassen. Dann gehe ich in die Bottega. Ich räume das Brot ein, das der Bäcker bringt, und richte Käse und Aufschnitt in der Kühltheke her. Dann beginnt mein Tag hinter der Ladentheke. In der Mittagspause kümmere ich mich von zu Hause aus um meine Arbeit als Schauspielerin und um meine Aufgaben als Vorsitzende eines Kulturvereins, über den wir einen großen Teil unserer künstlerischen Arbeit organisieren. Am Nachmittag gehe ich wieder in die Bottega. Und abends bin ich oft bei kulturellen Veranstaltungen oder Aufführungen.An den Tagen oder halben Tagen, an denen ich nicht im Laden arbeite, synchronisiere ich Zeichentrickfilme oder arbeite im Theater – je nachdem, welche Projekte gerade anstehen.
Wie würdest du Raveo jemandem beschreiben, der noch nie hier war?
Als einen besonderen Ort. Eine Perle, umgeben und beschützt von den Bergen, mitten in der Natur. Ein Ort, für den man sich bewusst entscheiden muss. Man kommt nicht zufällig nach Raveo. Es liegt nicht an einer großen Straße und nicht einfach auf dem Weg von einem Ort zum nächsten. Man muss beschlossen haben, hierherzukommen. Aber diese Entscheidung wird belohnt.
Gibt es einen Ort in Raveo oder in der Umgebung, der dir besonders am Herzen liegt?
Das ehemalige Franziskaner-Eremitenkloster aus dem 17. Jahrhundert oberhalb von Raveo. Und das wunderschöne Valdie.
Was funktioniert in einem kleinen Dorf wie Raveo besonders gut?
Die Kommunikation. Sie ist schnell und direkt. Und man kann leicht mit den Menschen in Kontakt treten, die innerhalb der Gemeinschaft Verantwortung tragen.
Und was ist schwierig?
Als kleines Bergdorf verfügt Raveo natürlich über viele der Dienstleistungen und Angebote nicht, die man aus einer Stadt kennt. Auch die wenigen öffentlichen Verkehrsmittel sind eine Herausforderung. Wer kein Auto hat, kann sich nicht einfach selbstständig fortbewegen und beispielsweise nach Tolmezzo fahren, um dort Dinge zu erledigen oder einzukaufen.
Du hast selbst in einer Großstadt gelebt.
Ja. Sechs Jahre lang in Mailand – zum Studium und aus beruflichen Gründen. Und einmal habe ich fast zwei Monate in Paris gelebt. Ich war dort gemeinsam mit meiner Tochter und meinem Mann, der dort als Regisseur gearbeitet hat.
Gibt es etwas, das dir manchmal fehlt?
Ja. Manchmal sehne ich mich danach, wieder in die Bewegung einer großen Stadt einzutauchen. Nicht, um dauerhaft dort zu leben. Das könnte ich mir heute nicht mehr vorstellen. Aber manchmal würde ich mich gerne wieder in einer Stadt verlieren – in einem Umfeld voller kultureller Möglichkeiten und neuer Impulse. Ich würde gerne für eine Weile diese unendlichen Möglichkeiten spüren. Und vielleicht auch diese besondere Freiheit genießen, einfach da zu sein, ohne gesehen werden zu müssen. Denn in einem kleinen Dorf ist genau das sehr viel schwieriger.
Wo findest du die Menschen entspannter – in der Stadt oder hier?
Ganz eindeutig hier. Die Hektik der Stadt bringt eine Form von Müdigkeit und Stress mit sich, die nur schwer wieder verschwindet. Sie lässt uns vergessen, innezuhalten und einfach zu betrachten. Ich glaube, das versteht man erst wirklich, wenn man an einem Ort lebt, an dem die Natur einen umgibt und das Leben langsamer wird.
Wenn du Raveo in drei Worten beschreiben müsstest – welche wären es?
Wurzeln. Lebenskraft. Potenzial.
Text & Interview mit Chiara Donada // Maral Scheel